Strasse über Berge, 110 x 73 cm, Oel/Leinwand, 2011

Monogrammist WC (übersetzt aus dem Lateinischen)
Straße über Berge

Zwei treffen sich an der Via Domitia.
Landschaftsbeschreibung: An den hügeligen Ausläufern des Gebirges schlängelt sich eine alte Straße teils in großen Bögen, dann bei Veränderung des Geländes in abrupt scharfen Kehrten dahin.
Der Berg ist abschüssig, Fels in Schichten. Daraus haben die Straßenbauer auf der einen Seite Fels herausgehauen und auf der anderen Seite aufgeschüttet, auch gekonnt aufgeschichtet, tiefere Geländeeinschnitte mit Bögen überbrückt, heute teils eingestürzt.
Die Straße geht hier leicht bergab. Auf beiden Seiten Pinien, Wacholdergestrüpp.
Der Himmel ist weit und blau.
Es ist wunderschön.

Salve!
Salve.
Woher?
Aus Noricum.
Wie sind die Menschen dort?
Wie überall. Es gibt sehr gierige, aber auch einige sehr gute Leute.
Gute, herzliche, warmherzige, verzweigtherzige.
Das Blut und die Säfte sind im Fluss, überschwappend auf die anderen, die Leber ist rein.
Auch ihre Berührungen sind angenehm, sie behandeln ihre Sklaven gut und haben schon einige freigelassen. Gute Werke zeichnen jene aus. Selbst in schwierigen Notlagen bewahren sie ihre Fassung und helfen. Tiere streicheln sie, außer bissige Hunde.

Damasius: Wo ich herkomme, sind die Leute hart. Wenn du schwach bist, fallen sie über dich her. Sie ritzen dich mit ihren Messern und ziehen an den Fingernägeln.
Hast du einen Bart, ziehen sie an dem.
Viele Unannehmlichkeiten denken sie sich aus, um dich zu martern und zu quälen.
Euseb: Das sollte man denken, sich merken und hätte ich nicht gedacht.
Gibt es denn bei euch Christen?
D: Das sind die Schlimmsten. Heuchler sind sie.
Mit verweinten Augen brechen sie dir das Rückgrat.
E: Nicht sie, aber andere haben dafür Maschinen gebaut.
D: Was sind Maschinen? Sind das Auftraggeber, Stadthalter oder – ?
E: Nichts von dem. Maschinen sind Vorrichtungen, um etwas mechanisch zu tun.
D: Ist eine Schöpfkelle, die man im Schlaf betätigt, eine Maschine?
E: Der Schlaf, das ist Maschine. Aber noch Vieles mehr.
Schlaf ist ein See, Schlaf ist auch das Meer.
Komm auf die Seite, da sind welche, die wollen vor.

Damasius und Euseb treten auf die Seite, ein Zug verhüllter Gestalten hastet vorbei. Gemurmel.

E: Wer sind jene? Was wollen sie? Warum haben sie es so eilig?
Wenn ich rate, würde ich sagen, jene wollen schnell zu einem Begräbnis.
Der Leichnam stinkt schon.
Er muss unter die Erde oder eilig verbrannt werden.
Der Verstorbene hat seine Anhänger knapp vor seinem Tod fortgeschickt, weit auf den Berg. Jetzt kommen sie zurück. Er stinkt schon. Sie werden noch einmal gehen müssen.
D: Fragst du oder weißt du?
Ich frage mich, ich weiß.
Wir sind jetzt schon ein Stück zusammen unterwegs und ich weiß immer noch
nicht, wie du heißt. Wie soll ich dich also ansprechen, du?
E: Ich heiße Euseb und stamme aus Punien.
Ich heiße Euseb und stamme von Räubern.
D: Raum und Zeit ist mir einerlei.
Euseb von Punien: Sag das nicht!

D: Wie ist es dir in der Zwischenzeit, seit wir uns nicht mehr gesehen haben,
ergangen?
E: Gut und schlecht. Sehr schlecht.
Räuber haben mich überfallen und verletzt.
Sie haben mich gepflegt und wieder aufgeholfen.
Dann kam ich nach San Donato.
Das Kloster war geplündert.
Ich fragte meine Räuber, ob sie das waren.
Sie sagten, dass eine Horde Albingenser unterwegs sei. Das sind jene, die mit
Gewalt nach freier Liebe streben (und sich dann und wann mit Eternit
verkleiden, besonders in den Siebzigern).

Sag wie ist es aber dir unterdessen gegangen?
D: Ich habe bei einem Schäfer Milch getrunken und Käse gegessen.
Ich bin gegangen und sah am Straßenrand einen letzten Rest eines
Segelflugzeugs. Ganz zerknittert und zerbeult. Sehr leicht, aus einem Material,
das sie Alumium nennen.
E: In den Städten von damals wurde jenes viel verwendet.
Heute fliegt niemand mehr.
Die meisten liegen auf der Erde und versuchen sie zu umklammern. Sie wollen
die Erde.
Sie atmen die Luft knapp über ihr ein.
Das tut ihnen sehr gut.
D: Das tut ihnen sehr leid.
Die Wasserleitungen sind aus Blei. Noch immer.
Erst wenn sie nach Jahren verkalken, mit Kalk überzogen sind, sterben die
Menschen nicht mehr an Vergiftungserscheinungen.
Sie sterben an Verkalkung.
E: Sie trinken eben auch jene Milch.
Die Milchkannen waren aus Alumium.
Ein Gefäße aus Silber, ein Gefäß aus Eisen.
Weinschläuche.

D: Bist du Christ?
E: Pst!
D: Hier hört uns keiner.
E: Ja. Wir treffen uns im Haus der Domitilla.
D: Die Frau des Geschäftsmanns Publius in Arelate?
E: Ja, es kommen viele.
Man lässt uns dort in Ruhe beten.
Wir brechen das Brot.
Einem von uns, einem Sklaven, haben sie die Knochen gebrochen. Sonst ist es ruhig. Es ist etwas Wunderbares. Diese Farben.

Domitilla hatte alles, was sie sich wünschen konnte: Besitz, Sklaven, einen erfolgreichen Ehemann… Sie ist leer. Immer neues Geschmeide wird ihr umgehängt. Sie sieht keinen Sinn. Sie sammelt Götterstatuen. Sie weiht sich dem Isiskult. Als sie einen ihrer Sklaven vor ihren Augen prügeln lässt, entfällt jenem ein Zeichen. Sie wird neugierig. Will wissen. Der Sklave verrät nichts. Er lässt sich vor ihr zu Tode prügeln. Als er stirbt, verzeiht er ihr und spricht ein Gebet. Seitdem war sie anders.

Es ist nur noch eine Frage der Zeit, wie lang auch ihr Mann noch so opfert, wie es die Vorschrift will.
D: Wie lange gehen wir noch bis Arelate?
E: Ich komme von dort. Ich heiße Euseb von Damaskus.
Meine Haut ist bronzefarben. Wie unsere Statuen.
Ich bin eine Statue. Du kannst mich bei Triumphzügen herumtragen.
D: Von Triumphzug ist jetzt keine Rede.
Wir sind staubig. Meine Sandalen sind zermürbt, sie lösen sich langsam auf.
Dort bekommen wir Wasser zu trinken, sonst nichts.
E: Und unten am Fluss?
D: Schwärme von Mücken trinken uns.
Das Quecksilber der Chemiefabrik macht den Essern der Flussfische dieselbe Farbe: Silber.

Als die beiden beim Gehen immer langsamer werden:
D: Ich muss noch schnell wohin, darum werde ich langsamer.
E: Das ist immer so.
Das Gras wächst aus der Luft in den Boden.
Nimm es gelassen. Kämpfe so langsam wie eine Schnecke.
Du wirst die Schlacht gewinnen.

Das Land, die Gegend ist verschneit. Der Schneesturm hält an. Wahrlich ungemütlich. Die Togen plustern sich im Wind auf und füllen sich dabei mit Schnee.

D: Hier kommt keine Hochgeschwindigkeitsbahn vorbei und nimmt uns auf.
E: Schau dir diese Straße an.
Unten Schneeverwehungen. Steine, Steine, Steine. Manche schon recht wacklig und manch ein Steinbogen eingebrochen.
Wir Römer haben sie gebaut.
Eine richtige Römerstraße.
Unsere Sklaven haben nach unseren Anweisungen Steine gebrochen und aufgeschichtet.
Jetzt ist die Straße zweitausend Jahre alt und immer noch begehbar.
Die Landschaft ist herrlich.
Auch unterjochte Völker, Barbaren, haben mitgearbeitet und manche dabei ihr Leben gelassen.
Von Hochgeschwindigkeitsbahn keine Spur.

Der Schnee beginnt, an den Sandalen zu kleben, in immer höheren Schichten. Damasius und Euseb gehen mittlerweile wie auf Stelzen. Plötzlich bricht eine von Damasius’ Schneestelzen. Er stürzt hinab und reißt dabei Euseb mit in die Tiefe. Die beiden liegen auf der Straße.

D: Aus der Traum vom freien Ausschreiten.

E: Wir sind Würmer, Gewürm, welches auf der Erde kreucht und fleucht.
D: Sind die Bäume Türme?
E: Sie sind Zangen und Lebensraum.
Wie zwischen den Fingern zerquetscht werden wir und haben nichts außer unsere Weichheit.
Die Menschen sind hart.
Bäume aus Holz, Zweige weisen in alle Richtungen zu dir.
D: Ein Spatz kommt von rechts geflogen.
Wer weiß, in welche Richtung er weiterfliegt, ob er bleibt, umdreht oder auch plötzlich stirbt.
E: Oder plötzlich ein anderer Sperling kommt, was sehr wahrscheinlich ist.
D: Wir verstehen uns über solche Weisheiten.
(E: Kannst du mich fragen?)

Orgien

Damasius findet auf der Straße einen Brief. Er liest:
Mein lieber Basileopater! Dich werden meine Beschreibungen folgender Ausschweifungen scharf machen, und das ist auch der Zweck folgender Zeilen. Du sollst nämlich bald ein Weib nehmen, um das Geschlecht zu erzittern und erzittert fortdauern zu lassen: Letztens war ich bei Frau (Buchstaben unleserlich) und plötzlich überrascht …

E: Die Wirtschaftlichkeit das ist einerlei.
Soll ich Schuhe (Sandalen) haben oder nicht oder machen oder dadurch reich werden?
Du sollst deine Sandalen lieben ,wenn du welche hast. Den Boden kannst du hassen,
wenn er hart ist und du keine hast. Dem Boden ist das egal.
D: Ich mag gerne weichen Boden.
Tief und weich ich tauche im Wasser.
E: Das Wollen dahin macht leicht.
D: Der Luftzug zwischen den Bergen schlägt die Tür zu.
Und lass uns schlafen.

Das Kunststück

Ein Schäfer kommt mit seiner Herde.
Spricht die beiden in unverständlichen Lauten an, lacht mit seinem zahngewaltigen Mund und führt beim Abschied folgendes Kunststück vor: sein Hund springt auf ein Zeichen auf seine Schulter und winkt mit der Pfote.

Ein Landschaftsmaler kommt im Dauerlauf dahergerannt, bleibt stehen. Packt seine Farben aus und malt in großer Ruhe.
Nach einiger Zeit klingelt sein Mobiltelefon. Ein paar kurze Sätze und er packt schnell seine Sachen zusammen und verschwindet im Dauerlauf.

E: Beim heiligen Mamas! Verflucht seien diese Wegelagerer,
welche einem das Letzte nehmen.
Das Allerletzte ist mein Gott.
Den haben sie mir auch genommen.

Diese Hosenabbinder
Geldbeutelumstülper
Rauchvergifter
Nebelbeuler
Nebelköpfer
Nebelbrüstige
Nebelmuskeliger
Nebelschwänzige
Nebelreißer
mein Nebelaufreißer
Nebelgeierlein
Nebelbärtiger
Nacktiger Eunuch trug das schmierige Tuch feierlich herum, zeigte die Flecken jedem und zu jedem dazu die Geschichte: Diesen hier hat der Basileopater bei seinem letzten Atemzug gemacht, der stammt noch von seiner Zeugung durch seine Eltern, das ist der verblichene Blutfleck, der beim Mord an seiner vierten erbeuteten Frau sich ergoss. Eine ungemein detailhafte Beschreibung jedes Flecken erfolgte. Grausiges Leid über verschwundenen und noch übrigen Geschlechtern.
Kein Tuch hat je all das aufgesaugt. Deshalb stand es auch für all das.
Nach all den gesprochenen und halb gesungenen Erklärungen lag es dann ganz ausgebreitet auf dem Boden, eine Karte, eine Landschaft unsäglichen Leides.
Alle Herumstehenden fielen auf die Knie und schluchzten und wehklagten, schlugen sich auf die Stirn und wollten keine Menschen mehr sein.
Einige verwandelten sich in runde Steine, viele wurden zu grauen Kristallen.
Einige wenige aber leuchteten wie Edelsteine, das waren die Herzen der Besonderen.
Nach der Verwandlung faltete der Eunuch das große Tuch sorgfältig zusammen, hielt es in verschiedene Richtungen.
Dann wieder zurück in die Truhe.
auf der geschrieben stand:
der große Auswurf

D: Was erzählst du mir da alles?
Du hörst nicht mehr auf.
Worte, Worte, Worte.
Sei still und geh schweigend neben mir her. Ich kann nicht mehr.
Meine Sprache sind die Schritte.
Die Schritte gesetzt auf diese Strasse, auf diese Felsen, auf diese Steine.
Schritte machen den Rhythmus.
Rhythmus teilt die Zeit.
Rhythmus macht die Zeit.

Wir haben das Jahr 2011.Vor zweitausend Jahren sind wir hier gegangen. Und vor
tausend Jahren kamen wir hierher. Jetzt sind wir da.

Die Zeit ist wie die Atemzüge- unendlich oder fast unendlich.

E: Das blanke Entsetzen: geraffte Geschichte ein Meineid
Der Bilderstreit.
Heiliges Bild
der Maler-Gott.
die Gestalt ein Gott durch Mensch
ein von Gott durchgetriebener Fleischwolfsmensch
D: Warum soll ein Maler so eine Macht haben?
E: Gott lässt durch den Maler ausrichten.
Gott spricht durch den Maler hindurch.
D: Was ist dann Gott, wenn er selbst nicht malt?
E: Gott malt.
Alles ist gemalt.
D: Dann wäre alles flach?
E: Alles ist flach, Tiefe vorschützend.
Die Tiefe ist geistige Dimension.
D: Geistige Dimension?
E: Ein Schatten, viele Schatten. Die Wölbung. Das Himmelsgewölbe.
D: Ein Schwalbennest?
E: Du sagst es.
Kleine Tiere sind keine Bilderstürmer. Verblendung der Großen. Wisse daher!

Ich sah einen Haufen.
Einen Haufen gewölbter Schilder. Daraus Lanzen in Unmengen.
Spieße, Wurfmaschinen. Helme! Militaribus.
Ein Haufen Gefäße, gestapelt zu Türmen.
Türme von Scherben. Alles was übrig blieb. Wir wissen nicht wohin.
Auf den Köpfen Scherben aufgestapelt. Scherben sterben. Scherben bleiben.
Säuren in die Flüsse und Bäche.
Panhypersebastos, Sebastoshypertatos, Pansebastoshypertatos,
Protopansebastoshypertatos, Entimohypertatos, Panentimohypertatos,
Protopanentimohypertatos Scherbenvoll. Titelscherben
Ein feiger Schwächling
Letztes Kapitel

D: Ich erkenne dich nicht, ich erkenne dich.
Wohin?
E: Auf dem Weg nach Rom.
D: Das ist er nicht.
E: Ich will mich dort begraben lassen.
D: In den stinkigen Katakomben, wo man drin liegt wie Sardinen in der Dose?
Und dann ist das gar nicht in Rom, sondern vor dessen Toren. Du Tor!
Hast du Geld dafür?
E: Ja, so viel, dass das Grab noch Hunderte Jahre gepflegt wird.
D: Daran glaubst du?
Jedes Jahr wird der Cäsar umgebracht. – Dabei soll die Grabpflege Jahrhunderte gemacht werden? Einst belauschte ich ein Gespräch von Grabdienern: „Dieser hier hat vorgesorgt – und mich versorgt, haha! Jene Familie überwacht immer noch, neue kommen, neue bezahlen. Dieser hat keine Nachkommen mehr, raus mit dem Kadaver und rein mit zwei neuen…“ und so weiter.
E: Was soll ich tun?
D: Du klappriges Gerüst! Erstens schaffst du es nicht mehr nach Rom.
In die Schweizer Berge auch nicht.
Seebestattung kommt auch nicht in Frage, das Meer ist weit.
Bleibt Einäschern oder die Grube hier am Wegrand.
Bestattung „Engel“ übernimmt alle Dienste – hier die Karte. Alles auf Mausklick. Selbst Einfrieren in Grönlandeis.
Doch noch eins: was ist mit den Göttern? Was ist mit Gott? Nehmen die dich auf?
E: Nehmen sie mich auf?
D: Nimmt er dich auf?
E: Geopfert habe ich allen: Stiere, Lämmer, Hühner, Wein. Dann den gesamten Hilfsorganisationen. Den Bettlern habe ich gegeben. Viel.
D: Die Bettler nehmen dich auf. Da drüben eine Horde davon. Geh.
E: Jetzt bin ich das Opfer.
Ich bete zu dir: Jesus komm, Gott komm, Maria,
Heiliger Vincent…
D: … bitt’ für uns.
E: Heiliger Damasius…
D: … bitt’ für uns.
E: Heiliger Eusebius…
D: … bitt’ für uns.
Und viele andere.

Euseb stürzt, Damasius stützt, lässt ihn auf den Boden und in den Straßengraben gleiten.

E: Hier ist Rom.
Hier ist Konstantinopel.
D: Hier ist Mokka, äh Mekka.
E: Keine Stunde zum Scherzen.
D: Verzeih.
E: Ich verzeih dir alles.
Dass du mich betrogen, belogen, bestohlen, mir nach dem Leben getrachtet hast.
Grab!
D: Ich grabe. Du gräbst. Er gräbt. Wir graben. Ihr grabt. Sie graben. lat. spelio 4

Fotos: west.fotostudio